Alle wärmen 10 Minuten auf. Im Sommer wie im Winter.
Warum kalte Sehnen ein Risiko sind, wann gefrorener Boden gefährlich wird — und was dein Pferd im Winter wirklich braucht. Für Box und Offenstall.
In diesem Artikel:
- •Das Gefühl, das keiner ausspricht
- •Was in den ersten 20 Minuten wirklich passiert
- •Warum die Sommer-Routine im Winter nicht funktioniert
- •Gefrorener Boden: Wann Reitplatz und Paddock zur Stolperfalle werden
- •Nasses Fell, kalte Luft: Warum die Abschwitzdecke Pflicht ist
- •Nicht reiten ≠ nichts tun
Das muss über 20 Jahre her sein. Ich war noch jung, und relativ frisch im Reitstall — und es war nicht so, dass jemand etwas Falsches gesagt hätte. Es war dieses Gefühl beim Zuschauen: Wie die Pferde in den ersten Trabminuten noch steif liefen. Wie manche sich beim Angaloppieren verspannten. Ich dachte mir: Das kann doch nicht richtig sein. Aber ich sagte nichts — wer bin ich schon, das zu kritisieren?
Zehn Minuten Schritt, dann antraben. Im Juli wie im Januar. Das war die Routine. Alle machten es so.
Aber je länger ich beobachtete, desto mehr Fragen hatte ich. Warum laufen manche Pferde in den ersten Minuten so stockig? Warum verspannen sie sich beim ersten Galopp? Und warum redet niemand darüber?
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Wie wenn dein Bauch dir sagt Da stimmt was nicht — aber alle um dich herum sagen: Stell dich nicht so an. Oder noch schlimmer: „Du denkst zu viel."
Heute weiß ich: Mein Gefühl hatte recht. Nicht mein Denken war falsch — das Umfeld war einfach nicht bereit für meine Fragen.
Und vielleicht geht es dir genauso. Du stehst im Stall, beobachtest, wie die anderen nach ein paar Schrittrunden losreiten, und irgendetwas in dir sagt: Das kann nicht reichen. Nicht bei diesen Temperaturen.
Nur weil es alle so machen, heißt das nicht, dass es richtig ist.
Lass uns gemeinsam anschauen, was in den ersten Minuten wirklich passiert — damit du beim nächsten Mal ein paar gute Argumente mehr hast. Für dich. Und für dein Pferd.
Aufwärmen beim Pferd: Was in den ersten 20 Minuten passiert
Stell dir vor, du stehst morgens auf, es ist kalt, und jemand sagt: „Jetzt sofort einen Sprint!" Dein Körper würde protestieren. Deine Muskeln sind steif, deine Gelenke fühlen sich an wie eingerostet.
Deinem Pferd geht es nicht anders.
In den ersten Minuten der Bewegung passiert eine ganze Menge im Körper — und vieles davon braucht Zeit:
Die Gelenkflüssigkeit muss sich verteilen. Sie ist das „Schmiermittel" in den Gelenken und sorgt dafür, dass Bewegungen geschmeidig ablaufen. In der Sportphysiologie spricht man davon, dass dieser Prozess etwa 20 Minuten dauert, bis er vollständig abgeschlossen ist. Vorher arbeiten die Gelenke sozusagen „trocken".
Die Sehnen müssen auf Temperatur kommen. Anders als Muskeln, die sich stark dehnen können, sind Sehnen nur minimal elastisch — in der Fachliteratur ist von etwa drei bis fünf Prozent die Rede. Bei Kälte sind sie noch steifer.
Und hier kommt der entscheidende Punkt:
Kalte Sehnen sind wie kalte Gummibänder — sie reißen leichter, als sie sich dehnen.
Tierärzte und Physiotherapeuten weisen immer wieder darauf hin: Ein Kaltstart — also intensive Belastung ohne ausreichende Aufwärmphase — kann zu Muskelfaser- oder Sehnenrissen führen. Auch Knorpelschäden sind möglich, weil die Gelenke noch nicht ausreichend „geschmiert" sind.
Was in Sekunden passiert, braucht Monate zur Heilung — wenn es überhaupt vollständig heilt.
Das bedeutet nicht, dass du jetzt 45 Minuten Schritt reiten musst. Aber es bedeutet: Die zehn Minuten, die im Sommer vielleicht ausreichen, sind im Winter zu wenig.
Sommer-Routine im Winter? Das ist wie Sommerreifen auf Eis.
Im Beitrag über das Eindecken haben wir gesehen, dass Pferde evolutionär hervorragend an Kälte angepasst sind. Das stimmt — für die Thermoregulation.
Aber es bedeutet nicht, dass ihre Sehnen und Gelenke ohne Aufwärmen belastbar sind.
Der Unterschied zwischen Sommer und Winter liegt nicht nur in der Temperatur. Er liegt auch darin, wie viel sich dein Pferd bewegt, bevor du es holst.
📦 Pferde aus der Box
Ein Pferd, das seit Stunden in der Box steht, ist nicht nur „kalt" — es ist steif. Die Durchblutung in den Beinen ist reduziert, die Gelenke sind ungeschmiert, die Sehnen unelastisch.
Was das bedeutet: Pferde aus der Box brauchen im Winter eine längere Aufwärmphase. Rechne mit 20 bis 30 Minuten Schritt, bevor du an Trab oder gar Galopp denkst. Ja, das klingt nach viel. Aber es ist die Zeit, die der Körper braucht, um sicher zu gehen, dass sich dein Pferd nicht unnötig verletzt.
Was du tun könntest:
- Vor dem Aufsitzen führen: 10 Minuten an der Hand gehen — das Pferd kann sich ohne Reitergewicht lockern
- Handarbeit einbauen: Seitengänge im Schritt, Übertreten, Volten — das aktiviert ohne zu belasten
- Nicht langweilen: Schritt muss nicht öde sein. Bahnfiguren, Pylonen, Stangen im Schritt — das geht auch beim Aufwärmen
🌳 Pferde im Offenstall
Ein Pferd aus dem Offenstall hat einen Vorteil: Es bewegt sich den ganzen Tag. Es ist nicht so steif wie ein Boxenpferd.
Aber „vorgewärmt" bedeutet nicht „belastungsbereit". Auch ein Offenstallpferd schlendert bei Kälte eher, als dass es trabt. Die Gelenke sind besser durchblutet als bei einem Boxenpferd — aber die Sehnen brauchen trotzdem ihre Aufwärmzeit.
Was das bedeutet: 15 bis 20 Minuten Schritt sind auch für Offenstallpferde sinnvoll. Weniger als bei Boxenpferden, aber mehr als im Sommer.
Was du tun könntest:
- Die Schrittphase nutzen: Dein Pferd ist mental wacher als ein Boxenpferd — nutze das für Konzentrations- und Gehorsamkeitsübungen
- Nicht überschätzen: „Der steht ja draußen" ist kein Freifahrtschein für kurzes Aufwärmen
Gefrorener Boden: Wann Reitplatz und Paddock zur Stolperfalle werden
Es war einer dieser Dezembermorgen, an denen der Boden aussah wie eine Mondlandschaft aus Eis. Die Hufabdrücke vom Vortag — steinhart gefroren. Ich stand am Reitplatz und fragte mich: Reiten? Longieren? Oder lieber gar nicht?
Die gute Nachricht: Harter Boden an sich ist nicht das Problem. In der Fachpresse wird sogar beschrieben, dass das Reiten auf ebenen, harten Böden — wie asphaltierten Wegen — Sehnen und Bänder stärken kann. Dieser Effekt wird sogar bei Rehapferden genutzt.
Das Problem ist nicht die Härte. Das Problem ist die Unebenheit.
Auf dem Reitplatz: Training bei Frost
Gefrorene Hufabdrücke werden zu Stolperfallen. Matsch, der gestern noch nachgab, ist heute eine Buckelpiste aus Beton. Und wenn dein Pferd auf dieser Buckelpiste umknickt oder sich vertritt, sind Sehnen, Bänder und Gelenke in Gefahr.
Eine Sehnenverletzung bedeutet nicht nur Schmerzen für dein Pferd — sondern oft Monate Boxenruhe, Reha und die bange Frage: Wird alles wieder wie vorher?
Deine Entscheidungshilfe für den Reitplatz:
Eben + gefroren
Vorsichtig möglich. Schritt, evtl. leichter Trab. Keine engen Wendungen.
Uneben + gefroren
Nicht reiten, nicht longieren.
Tauwetter auf gefrorenem Untergrund
Besonders gefährlich! Die obere Schicht taut, darunter ist es spiegelglatt.
Bevor der Frost kommt — Reitplatz vorbereiten: Wenn Minusgrade angekündigt sind, lohnt es sich, den Reitplatz vorher glattzuziehen — mit Schlepper, Bagger oder notfalls von Hand die größten Löcher einebnen. Was heute noch weicher Matsch ist, wird morgen eine Buckelpiste aus Beton. Einmal gefroren, lässt sich nichts mehr korrigieren.
Auf dem Paddock: Auch ohne Training ein Risiko
Du reitest nicht auf dem Paddock — aber dein Pferd lebt dort. Und Pferde bewegen sich auch ohne dich: Sie spielen, rennen, erschrecken sich, tragen Konflikte in der Herde aus. Alles Situationen, in denen sie schnell reagieren müssen — und in denen gefrorene Unebenheiten genauso gefährlich sind wie auf dem Reitplatz.
Das Risiko ist dasselbe: Gefrorene Hufabdrücke werden zu Stolperfallen. Ein Pferd, das im Spiel plötzlich wendet oder vor etwas erschrickt, kann auf einer Buckelpiste genauso umknicken wie unter dem Reiter.
Bevor der Frost kommt — Paddock vorbereiten: Auch den Paddock vor dem ersten Frost glattziehen. Besonders die Stellen, an denen die Pferde viel laufen: am Tor, an der Tränke, an den Futterstellen. Zehn Minuten mit der Schaufel heute können dir später viel Sorge ersparen.
Glatter Boden: Das unterschätzte Risiko
Und noch etwas, das oft vergessen wird: Gefrorener Boden kann auch GLATT sein — besonders bei Tauwetter oder wenn eine dünne Eisschicht auf der Oberfläche liegt. Dann rutschen die Hufe weg, bevor dein Pferd überhaupt stolpern kann.
Der Selbst-Test: Bevor du dein Pferd auf den Paddock lässt oder den Reitplatz betrittst — kurz selbst drauftreten. Wenn du rutschst, rutscht dein Pferd auch.
Und in der Reithalle?
Wenn du eine Reithalle zur Verfügung hast, hast du das Problem mit Regen und Matsch nicht. Aber auch Hallenböden können gefrieren — besonders bei schlecht isolierten Hallen oder wenn die Tore lange offen stehen.
Was du tun könntest:
- Boden regelmäßig abziehen: Auch in der Halle entstehen Unebenheiten durch die tägliche Nutzung
- Magnesiumchlorid im Boden: Hält den Boden bis -10°C frostfrei und verbessert die Trittsicherheit
- Tore geschlossen halten: Reduziert das Einfrieren, besonders über Nacht
Die Halle ist ein Privileg im Winter — aber kein Freifahrtschein, den Boden zu ignorieren.
Und wenn jemand sagt: „Ach, in der Halle ist das doch egal" — dann hast du jetzt ein paar gute Argumente an der Hand, warum es eben nicht egal ist.
Nasses Fell, kalte Luft: Warum die Abschwitzdecke Pflicht ist
Im Beitrag über die Fütterung haben wir gesehen, dass die „Heizung" deines Pferdes mit Heu läuft. Aber Bewegung erzeugt auch Wärme — und im Winter kann das zum Problem werden.
Das dicke Winterfell ist fantastisch für die Isolation. Aber es hat einen Nachteil: Dein Pferd kommt schneller ins Schwitzen als im Sommer. Und nasses Fell isoliert nicht mehr.
Das Risiko: Ein nassgeschwitztes Pferd, das in die Kälte kommt, kühlt aus. Die Folgen können Verspannungen, Muskelprobleme oder sogar Erkältungen sein.
Und das gilt für beide Haltungsformen:
- Box: Die meisten Boxen sind nicht beheizt. Ein nasses Pferd kühlt auch dort aus.
- Offenstall: Zurück in die Kälte — noch kritischer, wenn Wind dazukommt.
Der Hand-Check: So weißt du, wann die Decke runter kann
Nach dem Training im Winter ist die Abschwitzdecke Pflicht — egal ob Box oder Offenstall.
So prüfst du, ob die Decke runter kann:
- 1Hand unter die Decke schieben, ans Fell fassen
- 2Fell trocken? → Decke kann runter
- 3Fell noch klamm? → Decke bleibt drauf
- 4Decke selbst durchnässt? → Wechseln oder abnehmen — eine nasse Decke isoliert nicht mehr
Zeitrahmen: Rechne mit 15 bis 30 Minuten, je nach Schweißmenge und Außentemperatur. Bei sehr nassgeschwitzten Pferden kann es länger dauern.
Nach dem Abnehmen: Den getrockneten Schweiß ausbürsten. Sonst verklebt das Fell und die Isolationsfunktion ist eingeschränkt.
Training anpassen statt hinterher reparieren
Die beste Lösung ist natürlich, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen:
- Schrittpausen einbauen: Nicht durchgängig in höheren Gangarten arbeiten
- Intensität dosieren: Lieber kürzer und weniger schweißtreibend
- Trockenreiten einplanen: Mindestens 10-15 Minuten Schritt am Ende
Wer sein Pferd schert, muss sowieso eindecken — das haben wir beim Thema Thermoregulation besprochen. Aber auch ungeschorene Pferde brauchen nach dem Training Unterstützung beim Trocknen.
Nicht reiten ≠ nichts tun. Warum Spazierengehen Training ist.
Manchmal ist die klügste Entscheidung im Winter: heute kein Training auf dem Reitplatz.
Das bedeutet nicht, dass dein Pferd sich nicht bewegen darf. Es bedeutet nur, dass du eine andere Form wählst — eine, die weniger Risiko birgt.
Spazierengehen ist die unterschätzte Alternative. Eine Stunde gemeinsam durch den Wald, auf ebenen Wegen, im Schritt. Das ist Bewegung. Das ist Beziehungsarbeit. Und für Pferde aus der Box oft mehr, als sie sonst an einem Wintertag bekommen.
Mit kleinen Übungen zwischendurch — Anhalten, Rückwärtsrichten, seitliches Übertreten — wird der Spaziergang zum echten Training. Dein Pferd muss aufmerksam sein, auf dich achten, mitdenken. Das ist oft anspruchsvoller als eine halbe Stunde in der Bahn.
Bodenarbeit ist eine weitere Option, falls du Zugang zu einer Halle hast. Seitengänge an der Hand, Stangenarbeit im Schritt, Konzentrations- und Gehorsamkeitsübungen — all das geht ohne Reitergewicht und ohne Risiko durch schwierige Bodenverhältnisse.
📦 Pferde aus der Box
Was du tun könntest:
- Spazierengehen auf befestigten Wegen (mit kleinen Übungen)
- Bodenarbeit in der Halle (falls vorhanden)
🌳 Pferde im Offenstall
Was du tun könntest:
- Die Paddock-Bewegung „reicht" an manchen Tagen — wenn der Boden es zulässt
- Ergänzend: Spaziergang außerhalb des Paddocks
- Bei kritischen Bodenverhältnissen: Bewegung auf befestigten Flächen
Am Anfang fühlte ich mich schlecht, wenn ich sagte: „Heute reiten wir nicht." Als würde ich etwas verpassen. Als wäre ich faul.
Heute weiß ich: Auch Spazierengehen und Bodenarbeit sind Training — nicht nur Reiten. Und manchmal die klügere Wahl. Die klügste Entscheidung kostet manchmal nichts — außer etwas Geduld.
Was wirklich zählt
Du bist vermutlich hier gelandet, weil du nicht einfach machst, was alle machen — sondern verstehen willst, warum.
Das Gefühl, das du hattest, als du die anderen beim Aufwärmen beobachtet hast — es war richtig. Dein Pferd braucht im Winter mehr Zeit. Mehr Vorsicht. Mehr Aufmerksamkeit für den Boden unter seinen Hufen.
Du musst nicht perfekt sein. Du kannst nicht jedes Risiko ausschließen. Aber du kannst hinschauen. Du kannst Fragen stellen. Du kannst sagen: „Heute nicht" — und dich gut dabei fühlen.
Und wenn du dadurch auch nur ein einziges Mal verhinderst, dass sich dein Pferd verletzt — dann hat sich das Hinschauen mehr als gelohnt.
Jetzt hast du ein paar gute Argumente mehr, um deine Haltung zu begründen. Stück für Stück erweiterst du deinen Horizont, verstehst mehr Zusammenhänge. Das ist ein Prozess — und du bist mittendrin.
Du schaust hin. Und genau das macht den Unterschied.
Vertraue deiner Perspektive.
— Diana, Pferdesicht
Du bist unsicher, wie du dein Pferd im Winter sicher bewegen kannst? Schreib mir →
Quellen
- • Parry, D.A.D. (1949): The Structure of Collagen Fibrils. Journal of Biological Chemistry — Grundlagen zur Sehnenelastizität
- • van Weeren, P.R. & Barneveld, A. (1999): The effect of exercise on the distribution of glycosaminoglycans in equine articular cartilage. Equine Veterinary Journal, 31(3):201-208
- • Clayton, H.M. (1991): Conditioning Sport Horses. Sport Horse Publications — Aufwärmphasen und Gelenkflüssigkeit
- • FN (Deutsche Reiterliche Vereinigung): Richtlinien für Reiten und Fahren — Aufwärmempfehlungen für Pferde
- • Cavallo.de: Pferd aufwärmen — darauf sollten Reiter im Winter achten