„Ach, für sowas rufst du doch nicht extra den Tierarzt an.”

Ich nicke, während ich in Gedanken nochmal an der Fessel entlanggehe: Wo genau sitzt der Schnitt — ist da ein Gelenk drunter? Klafft er, oder liegt er zu? Und wie läuft mein Pferd damit? Und dann frage ich mich, ob ich die Einzige bin, die in so einem Moment an sich selbst zweifelt.

Wahrscheinlich kennst du das. Du stehst neben deinem Pferd, das Handy schon in der Hand — und irgendetwas in dir sagt: Das gehört angeschaut. Aber der Satz von eben sitzt noch im Ohr. Und meistens stimmt er sogar. Nur weiß derjenige, der ihn sagt, nicht, was du gerade vor dir siehst und fühlst. Und du kennst dein Pferd am besten.

Lass uns das einmal sortieren: woran ich festmache, wann ich den Tierarzt anrufe. Was du selbst versorgen kannst. Und was du besser lässt. Nicht damit du zur Diagnostikerin wirst — sondern damit du in dem Moment weißt, woran du deine Entscheidung festmachst. Für dich. Und für dein Pferd.

Woran ich festmache, ob ich einen Tierarzt rufe

Jahrelang hatte ich einen einzigen Maßstab: die Menge Blut. Viel Blut, schlimm. Wenig Blut, halb so wild. Damit lag ich bei Ramses zweimal richtig — und einmal so falsch, dass ich heute noch daran denke.

Es war ein kleiner Riss an der Innenseite des Röhrbeins. Kaum Blut, Ramses lief normal. Ich hab die Stelle ausgewaschen und mir nichts weiter gedacht. Zwei Tage später war das Bein dick und Ramses ging keinen Schritt mehr freiwillig. Am Ende war es eine Griffelbeinfraktur. Nachts um halb zwölf standen wir in der Klinik, und um die Operation kamen wir nicht herum.

Was ich damals nicht wusste: Blut ist laut. Tiefe ist leise. Das Zeichen, das am meisten Eindruck macht, ist selten das, an dem die Entscheidung hängt.

Aus solchen Momenten sind bei mir drei Fragen geworden. Die gehe ich inzwischen bei allem durch, nicht nur bei Wunden — bei Bauchweh genauso wie bei einer Lahmheit oder wenn mein Pferd mir einfach nur komisch vorkommt.

Erstens: Wie geht es deinem Pferd insgesamt? Frisst dein Pferd? Reagiert es auf dich wie sonst? Steht es normal? Ein Pferd, das sein Heu stehen lässt, erzählt dir mehr als die Stelle, auf die du gerade starrst. Und andersherum: Ein Pferd, das normal weiterfrisst, hat selten einen Notfall im Bauch.

Zweitens: Was genau siehst du — und wo? Nicht „am Bein”, nicht „irgendwie komisch”, sondern so genau, wie du es hinbekommst. Bei einer Lahmheit: welches Bein, seit wann, verändert sich das Gangbild in der Wendung? Bei Bauchweh: scharrt dein Pferd, sieht es sich nach dem Bauch um, liegt Kot in der Box? Bei einer Wunde: wo genau sitzt sie, klafft sie, blutet die Wunde?

Drittens: Verändert sich das, was du siehst — und wie schnell? „Seit einer Stunde deutlich schlimmer” ist ein ganz anderes Signal als „seit gestern unverändert”. Das Tempo entscheidet manchmal mehr als der Befund selbst.

Bei Wunden hängt es oft an der zweiten Frage, deshalb dazu noch ein paar Sätze mehr. Am Unterbein liegt zwischen Haut und Gelenk fast nichts — kein Muskel, kaum Gewebe, das etwas abfängt. Weiter oben am Bein ist das anders. Deshalb erreicht unten schon ein kleiner Schnitt Strukturen, die tief drunter liegen, und deshalb sind Fessel und Kronrand die heikelsten Stellen überhaupt. Und wenn die Wundränder auseinanderstehen, wächst die Wunde nicht von allein zu — sie füllt sich langsam mit neuem Gewebe vom Wundgrund her auf, und das dauert länger und hinterlässt mehr Narbe.

Und dann gibt es noch ein Zeichen, das ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal gelesen habe und seitdem nicht mehr vergesse: Wenn aus einer gelenknahen Wunde eine klare bis hellgelbe Flüssigkeit sickert, oft nur ein paar Tropfen — dann schau sie dir an. Gelenkflüssigkeit ist zäh und zieht Fäden, ganz anders als wässriges Wundsekret. Das ist ein Notfall, auch wenn die Wunde winzig aussieht.

Und hier wird es tückisch: In den ersten Stunden nach so einer Verletzung ändern sich Lahmheit und Temperatur oft überhaupt nicht. Dein Pferd läuft normal, hat kein Fieber — und im Gelenk läuft trotzdem schon etwas. Deshalb gehört jede Wunde über einem Gelenk in den folgenden drei bis fünf Tagen nochmal angeschaut: Wird sie wärmer? Schwillt sie an? Lahmt dein Pferd auf einmal doch?

Was sofort in Tierarzthand gehört

Das hier ist die Liste. Sie ist kürzer als das schlechte Gewissen, das dich sonst durch den Abend begleitet:

  • eine Wunde, die klafft, stark blutet oder über Gelenk, Sehne oder Kronrand sitzt
  • klare, zähe Flüssigkeit aus einer gelenknahen Wunde
  • Kolik-Anzeichen, Verdacht auf Hufrehe, plötzliche starke Lahmheit, ein Nagel im Huf
  • ein Auge, das zugekniffen ist, tränt oder trüb wirkt — Augen solltest du nicht selbst einschätzen
  • Fieber über 39,5 °C, Atemnot, Taumeln, Teilnahmslosigkeit

Was diese Liste allein nicht zeigt: Die Entscheidung, ob du anrufst, hat bei manchen „Problemen” ein Ablaufdatum. Das habe ich erst verstanden, als ich nachgelesen habe.

Die zwölf Stunden gelten fürs Nähen. Aber so eine Uhr läuft bei fast allem, was in Tierarzthand gehört — sie zeigt nur je nach Fall etwas anderes an. Bei einer Wunde sind es die Stunden bis zur Naht. Bei Hufrehe zählt jede Stunde, in der die Entzündung im Huf weiterläuft. Bei einer Kolik kann es davon abhängen, ob eine Operation überhaupt noch etwas bringt.

Seitdem stelle ich mir eine andere Frage. Früher habe ich überlegt, ob es schlimm genug ist für einen Anruf beim Tierarzt. Heute frage ich mich nur noch, was in ein paar Stunden überhaupt noch möglich ist.

Der Satz, der mir dabei am meisten half, stammt aus einer Pferdeklinik: „Rufen Sie lieber einmal zu oft den Tierarzt, als schwerwiegende Folgen zu riskieren.” Von jemandem, der jeden Tag am anderen Ende der Leitung sitzt.

Was du selbst versorgen kannst

Jetzt der Teil, der sehr viel häufiger vorkommt. Das hier machst du selbst:

  • Temperatur, Puls und Atmung messen, wenn dir dein Pferd matt vorkommt
  • eine oberflächliche Schürf- oder Schnittwunde auswaschen — mit steriler Kochsalz- oder Wundspüllösung, großzügig und mit Druck aus einer Einwegspritze
  • desinfizieren mit einem farblosen Antiseptikum auf Octenidin- oder Polyhexanid-Basis
  • einen Schutzverband anlegen, damit die Wunde sauber bleibt
  • ein warmes, geschwollenes Bein kühlen
  • eine Zecke entfernen, einen Stein aus dem Huf kratzen
  • die Salbe oder Tropfen geben, die dein Tierarzt für dein Pferd verordnet hat — genau so, wie er es aufgeschrieben hat

Und wenn du fürs Impfen bist, dann behalte die Tetanusimpfung im Blick: Wann hatte dein Pferd die letzte? Bei jeder Wunde, die tiefer geht als ein Kratzer, ist das eine der ersten Fragen — und die Antwort steht im Equidenpass, nicht in deinem Gedächtnis. Ob du impfen lässt, entscheidest du für dein Pferd selbst; dein Tierarzt wird trotzdem danach fragen.

Warum ein gut gemeinter Verband schaden kann

Ich hatte immer gedacht: Ein Verband schützt. Je fester er sitzt, desto besser hält er. Also habe ich fest gewickelt — sorgfältig, straff, damit ja nichts verrutscht.

Genau da entsteht der Schaden. Ein Verband ohne Polster darunter drückt nicht flächig auf das Bein, sondern schnürt es ein — wie ein zu straff gezogenes Gummiband. Und darunter liegt am Pferdebein kein Muskel, der etwas abfedern könnte, sondern die Sehne, direkt unter der Haut. Eine Tierärztin bringt es in einem Satz auf den Punkt: „Sitzen Verbände zu eng, entstehen Drucknekrosen.”

Dieser Fehler passiert nicht aus Schlamperei. Er passiert genau dann, wenn du es besonders gut machen willst: Du wickelst fester, damit nichts verrutscht — und ohne Watte darunter drückt genau das.

Was dazwischen gehört: eine Lage Polster- oder Bandagierwatte, faltenfrei, unter jede Binde. Falten sind das eigentliche Problem, nicht die Dicke — eine Falte drückt punktuell dort, wo die Watte eigentlich verteilen soll.

Was sonst noch in deine Stallapotheke gehört, habe ich in einer kostenlosen Checkliste zusammengestellt: die Stallapotheke-Checkliste. Zehn Gruppen zum Abhaken, vom Notfallzettel bis zum Werkzeug, dazu die Richtwerte für Temperatur, Puls und Atmung — zum Ausdrucken, damit du im Ernstfall nicht erst suchen musst.

Was ich bewusst nicht mache

Drei Sachen lasse ich immer, und alle drei aus demselben Grund: Sie nehmen meinem Tierarzt genau die Information weg, auf die er seine Entscheidung stützt. (In der Checkliste stehen noch drei weitere, die aus anderen Gründen nichts an einer Wunde zu suchen haben.)

Blauspray oder Wundpuder auf eine frische Wunde. Sie legen sich als Schicht darüber und färben alles ein. Wenn genäht werden muss, kann der Tierarzt nicht mehr beurteilen, wie tief die Wunde geht. Und keimfrei machen die Sprays sie auch nicht — sie schließen die Keime ein, die schon drin sind. Das Wundsekret kann nicht mehr abfließen, und darunter haben Bakterien beste Bedingungen. Zeig die Wunde erst deinem Tierarzt — dann entscheidet er, wie sie behandelt wird.

Ein Schmerzmittel auf Verdacht, besonders bei Kolik. Das ist der Punkt, an dem ich beim Recherchieren am längsten hängengeblieben bin — weil ich den Mechanismus vorher nicht verstanden hatte. Ich dachte, das Problem sei, dass die Schmerzen „überdeckt” werden. Es ist präziser als das: Wie ein Pferd auf das erste Schmerzmittel reagiert, ist für den Tierarzt das meistgenutzte Kriterium überhaupt, wenn er entscheidet, ob operiert werden muss. Spricht ein Pferd darauf nicht an, ist genau das der Hinweis. Wenn du vorher selbst spritzt oder deinem Pferd etwas eingibst, ist dieses eine Signal schon verbraucht — und dein Tierarzt steht vor einem Pferd, dem es schlechter geht, als es gerade aussieht.

Einen Nagel, der im Huf steckt, herausziehen. Fotografier ihn, markier die Stelle, ruf an. Vor der Entfernung gehört ein Röntgenbild gemacht: Es zeigt Richtung und Tiefe des Stichkanals und ob der Hufrollenschleimbeutel getroffen ist. Ziehst du den Nagel raus, ist diese Information weg — und der Tierarzt weiß nicht mehr, wonach er suchen soll.

Was du am Telefon sagst

Wenn du anrufst, fragt dein Tierarzt als Erstes nach drei Zahlen: Temperatur, Puls, Atmung. Und die kennst du nur, wenn du sie vorher schon mal gemessen hast — denn die Richtwerte helfen dir wenig, wenn dein Pferd ohnehin am unteren Rand liegt.

Richtwerte beim erwachsenen Pferd in Ruhe: ca. 37,5–38,2 °C · ca. 28–44 Schläge pro Minute · ca. 8–16 Atemzüge pro Minute. Die Spannen fallen je nach Quelle etwas anders aus, und ein großes Pferd liegt beim Puls eher unten, ein kleines oben. Deshalb zählt am Ende weniger die Tabelle als das, was bei deinem Pferd normal ist.

Dazu drei Sätze: seit wann, wie stark, wie verhält sich dein Pferd. Das ist der Unterschied zwischen „irgendwie komisch” und einem Anruf, mit dem dein Tierarzt sofort etwas anfangen kann.

Miss die Werte an drei ruhigen Tagen — nicht nach der Arbeit, nicht in der Mittagshitze — und schreib sie auf. Bei mir hängt der Zettel innen im Deckel der Stallapotheke, und ein zweiter an der Stalltür. Wer ihn zum ersten Mal sieht, guckt kurz komisch. Wer schon mal abends allein mit einem blutenden Pferd dastand, guckt nicht komisch.

Wenn du das nächste Mal mit dem Handy dastehst

Irgendwann sagt wieder jemand so einen Satz von der Seite. Und in dir zieht sich alles zusammen.

Diesmal gehst du die drei Fragen durch. Wie geht es deinem Pferd insgesamt. Was siehst du genau. Verändert sich das, was du siehst — und wie schnell. Und dann triffst du eine Entscheidung — nicht, weil du dir immer sicher bist, sondern weil du weißt, woran du sie festmachst.

Was du heute dafür tun kannst, dauert zehn Minuten: Miss einmal Temperatur, Puls und Atmung bei deinem Pferd, wenn nichts los ist. Schreib die drei Zahlen auf einen Zettel. Häng ihn dahin, wo deine Stallapotheke steht.

Zum Mitnehmen

Die 5 wichtigsten Dinge

  1. 1

    Nicht das Blut

    Die Menge sagt nichts über die Tiefe. Entscheidend ist, wo die Wunde sitzt, ob sie klafft und wie dein Pferd damit läuft.

  2. 2

    Drei Fragen

    Wie geht es deinem Pferd insgesamt? Was siehst du genau? Verändert sich das — und wie schnell?

  3. 3

    12 Stunden

    Ältere Wunden lassen sich selten noch nähen. Die Entscheidung hat oft ein Ablaufdatum.

  4. 4

    Polster darunter

    Ohne faltenfreie Polsterwatte schnürt der Verband ein — und darunter liegt die Sehne.

  5. 5

    Drei Zahlen

    Temperatur, Puls, Atmung — heute messen, damit du sie im Ernstfall nennen kannst.

Vertraue deiner Perspektive.

— Diana, Pferdesicht

Du willst wissen, was in deine Stallapotheke gehört? Hier ist meine Checkliste zum Ausdrucken →

Quellen

  • Fürst, A., zitiert in: Cavallo — „Wann braucht Ihr Pferd den Tierarzt?” (Zeitfenster für die Wundnaht)
  • Bingold, C., Pferdeklinik Großostheim, zitiert in: Cavallo — „Wann braucht Ihr Pferd den Tierarzt?” (Erstversorgung und Eigenbehandlung)
  • Kreling, I., Tierklinik Binger Wald, zitiert in: Cavallo — „Wann braucht Ihr Pferd den Tierarzt?” (Kolikverdacht und Zeitfaktor)
  • Schuberth, V., zitiert in: Cavallo — „Wunden bei Pferden richtig behandeln” (Drucknekrosen durch zu enge Verbände)
  • Der Praktische Tierarzt: Untersuchung und Behandlung von Verletzungen und Infektionen synovialer Strukturen beim Pferd
  • Der Praktische Tierarzt: Der Nageltritt beim Pferd — eine Retrospektive über 53 Fälle
  • Schreiber, M.-H.: Erste Hilfe beim Pferd. Bakkalaureatsarbeit, Veterinärmedizinische Universität Wien, Klinik für Pferde
  • White, N.A. et al. (2005): Use of web-based data collection to evaluate analgesic administration and the decision for surgery in horses with colic. Equine Veterinary Journal 37(4):347–350. DOI: 10.2746/0425164054529391
  • Merck Veterinary Manual: Trauma and First Aid in Horses (Nachkontrolle über drei bis fünf Tage bei Wunden über synovialen Strukturen)
  • Müller, A., Büttner, K. & Röcken, M. (2022): Using systemic serum amyloid A as a biomarker for synovial structure infections in horses with acute limb wounds. Veterinary Record 191(2):e1841 (Lahmheit und Temperatur im Frühstadium oft unverändert). DOI: 10.1002/vetr.1841
  • Albanese, V., Straticò, P., Fischer, H. & Petrizzi, L. (2025): Equine Distal Limb Wounds: Economic Impact and Short-Term Prognosis of Non-Synovial Versus Synovial Lesions in Southern Germany. Veterinary Sciences 12(3):205 (geringe Weichteildeckung am Unterbein, Prognose). DOI: 10.3390/vetsci12030205
  • Van Pelt, R.W. (1967): Characteristics of normal equine tarsal synovial fluid. Canadian Journal of Comparative Medicine and Veterinary Science 31(12):342–347 (klar, hellgelb, zähflüssig). PubMed: 4229934
  • Penn State Extension: How to Take Your Horse’s Vital Signs (Richtwerte)