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Verhalten & Psychologie

Dein Pferd steht im Dezember nur noch rum? Das ist kein Winterblues – das ist Millionen Jahre alte Intelligenz.

Warum dein Pferd im Winter träger wirkt, beim Reiten aber plötzlich explodiert – und was das mit dem Licht zu tun hat, nicht mit seinem Charakter.

von Diana9 Min. Lesezeit

In diesem Artikel:

  • Warum mein 25-jähriger Wallach im Winter zum "Hengst" wird
  • Was das Licht mit dem Verhalten deines Pferdes zu tun hat
  • Der Energiesparmodus: Kein Bug, sondern 25 Millionen Jahre Überlebensstrategie
  • Warum die Energie nicht weg ist – sondern nur umgeleitet
  • Was das für dein Training bedeutet (Box & Offenstall)
  • Der Perspektivwechsel, der alles verändert
Pferd döst entspannt im winterlichen Paddock – Energiesparmodus aktiv

Mein Wallach ist normalerweise ein Energiesparmodell. Er steht gerne rum, döst vor sich hin, bewegt sich nur, wenn es unbedingt sein muss. Aber ab Dezember? Da wird er zum Hengst beim Spazierengehen. Obwohl er schon Mitte zwanzig ist.

Jahrelang dachte ich, das liegt an mir. An der Jahreszeit. Daran, dass im Winter oft die Bodenverhältnisse die Arbeit erschweren. Ich habe mir Sorgen gemacht: Ist er unterfordert? Braucht er mehr Bewegung? Stimmt etwas nicht mit ihm?

Wahrscheinlich kennst du dieses Gefühl. Du stehst am Paddock, beobachtest dein Pferd, wie es stundenlang einfach nur steht. Wie es sich kaum bewegt. Und dann holst du es zum Reiten – und plötzlich hast du ein völlig anderes Tier unter dir. Eines, das tänzelt, guckt, sich aufbaut.

„Der versucht dich nur auszutesten", sagt dann vielleicht jemand am Stall. „Der ist unterfordert." Oder: „Der braucht mehr Arbeit."

Heute weiß ich: Das Verhalten meines Wallachs hat biologische Gründe – keine bösen Absichten. Und je mehr ich darüber gelernt habe, desto mehr hat sich mein Blick auf das „Winter-Verhalten" verändert.

Lass uns gemeinsam hinschauen.

Das Licht steuert mehr, als du denkst

Hier kommt etwas, das mich wirklich überrascht hat:

Nicht die Temperatur sagt deinem Pferd, dass Winter ist – das Licht tut es. Der Fellwechsel beginnt im Juni, nicht im November.

Ja, du hast richtig gelesen. Juni. Mitten im Sommer, wenn wir schwitzend über die Hitze stöhnen, beginnt dein Pferd bereits, sich auf den Winter vorzubereiten.

Stell dir vor, dein Körper wüsste, dass Winter kommt – bevor du den Kalender anschaust. Genau das kann dein Pferd. Es hat im Juni schon angefangen, sich vorzubereiten, während du noch im T-Shirt am Stall standest.

Im Winter, wenn die Tage kurz sind, ist der Melatoninspiegel im Körper deines Pferdes dauerhaft höher als im Sommer. Und Melatonin macht müde. Träge. Ruhiger.

Das Auge registriert die Tageslichtlänge und sendet Signale an den Körper. Dein Pferd passt sich an – nicht weil es faul ist, sondern weil es auf ein System hört, das seit 25 Millionen Jahren funktioniert.

Der Energiesparmodus: 25 Millionen Jahre Überlebensstrategie

Wildpferde haben nicht den Luxus von Heunetzen, Kraftfutter und Winterdecken. Für sie bedeutete Winter: weniger Futter, härtere Bedingungen, höhere Gefahr. Jede Kalorie zählte.

Was macht ein kluges Tier in dieser Situation? Es spart Energie.

Lebhaftes Laufen, Buckeln und sonstiges frisches Verhalten verbrennt wertvolle Kalorien. Deshalb ist das keine Strategie, die Pferde nutzen, um sich bei Kälte warm zu halten. Stattdessen sparen sie Energie, stehen zusammen, suchen Schutz.

Ein Pferd, das im Winter auf dem Paddock viel döst, ist nicht depressiv – es ist effizient.

25 Millionen Jahre Evolution. 200 Jahre Boxenhaltung. Wer hat hier wen nicht verstanden?

Aber warum dann das Chaos beim Reiten?

Wenn mein Pferd im Energiesparmodus ist – warum explodiert es dann manchmal bei der Arbeit?

Die Antwort hat mich überrascht:

Die Energie ist nicht weg – sie wird nur nicht mehr auf dem Paddock verschwendet.

Dein Pferd spart Energie, wo es kann. Es steht rum, döst, bewegt sich minimal. Aber die Energie, die es nicht verbraucht, verschwindet nicht einfach. Sie ist da – aufgestaut, bereit, abgerufen zu werden.

Und dann kommst du. Holst es aus seiner Ruhe. Bringst es in eine Situation, die Aufmerksamkeit erfordert. Und plötzlich ist all diese aufgestaute Energie da.

Dazu kommt: Im Winter sind die Tage kurz. Dein Pferd steht mehr, bewegt sich weniger, hat weniger Input. Wenn du es dann holst, ist alles neu, alles aufregend, alles ein potenzieller Auslöser.

Auf dem Paddock ruhig, in der Arbeit energiegeladen. Das ist kein Widerspruch – das ist derselbe Mechanismus.

Was das für dein Training bedeutet

Wenn du verstehst, was im Winter im Körper deines Pferdes passiert, kannst du dein Training anpassen. Nicht weil etwas „falsch" ist – sondern weil du mit dem System arbeitest, statt dagegen.

🌳 Pferde im Offenstall

Offenstallpferde zeigen den Energiesparmodus besonders deutlich. Sie haben die Möglichkeit, sich frei zu bewegen – und entscheiden sich oft dagegen. Das ist normal.

Was das bedeutet:

  • Die reduzierte Aktivität ist physiologisch sinnvoll
  • Die „Faulheit" auf dem Paddock ist keine Unterforderung
  • Beim Training kann mehr Energie da sein, als du erwartest

Was du beachten könntest:

  • Längere Aufwärmphase einplanen: Nach langen Ruhephasen brauchen Pferde mehr Aufwärmzeit. Die Gelenke sind weniger „geschmiert", die Muskulatur weniger durchblutet. Im Beitrag über Bewegung im Winter → habe ich das ausführlich erklärt.
  • Erwartungen anpassen: Dein Pferd ist nicht faul, wenn es im Winter weniger motiviert wirkt. Es folgt seinem biologischen Rhythmus.
  • Aufgestaute Energie einkalkulieren: Wenn du weißt, dass die Energie nicht weg ist, kannst du dich darauf vorbereiten. Beginne ruhig, gib deinem Pferd Zeit anzukommen.
  • Kopfarbeit statt Auspowern: Überschüssige Energie lässt sich nicht einfach „weglongieren". Was wirklich hilft: Konzentration auf wechselnde Aufgaben. Bodenarbeit, kleine Übungen, Dinge, die dein Pferd zum Mitdenken bringen. Das beschäftigt den Kopf – und ein beschäftigter Kopf hat weniger Kapazität für Aufregung.

📦 Pferde aus der Box

Boxenpferde haben eine doppelte Herausforderung: Der biologische Energiesparmodus trifft auf Bewegungsmangel durch die Haltung.

Was das bedeutet:

  • Die natürliche Reaktion (weniger Aktivität) trifft auf erzwungene Inaktivität
  • Das kann zu noch mehr aufgestauter Energie führen
  • Gleichzeitig fehlt der Input – alles wird aufregender

Was du beachten könntest:

  • Tägliche Bewegung, auch wenn kurz: Lieber 15 Minuten führen als gar nichts. Das baut Spannung ab und gibt Input.
  • Vor dem Reiten Zeit geben: Lass dein Pferd erst mal schauen, sich orientieren. Nach Stunden in der Box ist draußen alles interessant.
  • Kopfarbeit statt Auspowern: Überschüssige Energie lässt sich nicht einfach „weglongieren". Was wirklich hilft: Konzentration auf wechselnde Aufgaben. Bodenarbeit, kleine Übungen, Dinge, die dein Pferd zum Mitdenken bringen.
  • Kontrolliert ankommen lassen: Geführte Bewegung vor dem Reiten kann helfen – aber nicht als „Auspowern", sondern als Ankommen.

Für beide: Der Perspektivwechsel

Die wichtigste Erkenntnis ist diese: Das Verhalten hat Gründe. Biologische, nachvollziehbare Gründe.

Wenn dein Pferd im Winter auf dem Paddock nur rumsteht und beim Reiten „spinnt", dann ist das keine schlechte Erziehung. Kein Charakterfehler. Kein Zeichen, dass du etwas falsch machst.

Es ist ein Pferd, das einem uralten Rhythmus folgt – in einer modernen Welt, die diesen Rhythmus oft vergessen hat.

Der Blick, der alles verändert

Früher stand ich im Winter am Paddock und machte mir Sorgen. Ist er unterfordert? Stimmt etwas nicht? Mache ich etwas falsch?

Heute stehe ich da und sehe etwas anderes: Ein Pferd, das genau das tut, wofür es gebaut wurde. Das Energie spart, wenn Energie knapp sein könnte. Das auf sein System hört.

Das Verhalten hat sich nicht geändert. Aber mein Blick darauf.

Und vielleicht ist das der wichtigste Punkt: Wenn du weißt, warum dein Pferd sich so verhält, ändert sich nicht das Verhalten – aber dein Umgang damit. Deine Erwartungen. Dein Gefühl dabei. Du hörst auf, gegen etwas zu kämpfen, das gar kein Problem ist.

Was du jetzt mitnehmen kannst

Du bist vermutlich hier gelandet, weil du dir Fragen stellst, die andere nicht stellen. Weil du nicht einfach akzeptierst: „Der ist halt so im Winter."

Das ist gut. Das ist genau richtig.

Jetzt hast du hoffentlich einige neue Tipps an der Hand: Das träge Verhalten auf dem Paddock und die Energie beim Reiten sind zwei Seiten derselben Medaille. Dein Pferd spart nicht, weil es faul ist – sondern weil es klug ist. Die Energie ist nicht weg – sie wird nur anders verteilt.

Mit diesem Wissen kannst du beginnen, dir weniger unnötige Gedanken zu machen. Aufhören, scheinbar gegen etwas ankämpfen zu müssen. Anfangen, mit deinem Pferd zu arbeiten – nicht gegen sein System.

Dass du diese Fragen stellst und hinterfragst, zeigt echtes Engagement. Es geht darum, bewusst und aufmerksam mit deinem Pferd zu arbeiten – nicht um blinde Akzeptanz. Diese Herangehensweise macht den Unterschied.

Vertraue deiner Perspektive.

— Diana, Pferdesicht

Du fragst dich, ob das Winter-Verhalten deines Pferdes normal ist? Schreib mir →

Mehr zum Thema:

Quellen

  • • Arnold, W., Ruf, T., Kuntz, R. (2006): Seasonal adjustment of energy budget in a large wild mammal, the Przewalski horse. Journal of Experimental Biology, 209(22):4566-4573
  • • Kuntz, R. et al. (2006): Seasonal adjustments of energy budgets in free ranging Przewalski horses. Journal of Experimental Biology, 209(22):4557-4565
  • • Dr. med. vet. Gabriele Volker: Funktion der Epiphyse bei Hund, Katze und Pferd (loadmedical.com)
  • • 360gradpferd.de: Wann beginnt der Fellwechsel beim Pferd?
  • • VTG Tiergesundheit: Einfluss von Licht auf die Pferdegesundheit
Die Inhalte basieren auf aktuellen Erkenntnissen und langjähriger Praxis, ersetzen aber keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Sie sollen dir helfen, informierte Fragen zu stellen und fundierte Entscheidungen für dein Pferd zu treffen. Dass du hier bist, zeigt: Du übernimmst Verantwortung – und genau das ist der beste Schutz für dein Pferd.
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